Ein Plädoyer für das gesprochene Wort –

und warum Interpretation zu Missverständnissen führt

Wer erinnert sich nicht an die langen Stunden Deutschunterricht, in denen Gedichtsinterpretation auf dem Programm stand, an die Klausuren, in denen wir aufgefordert waren Literatur zu analysieren. Klar, die Dichter und Autoren, um die es ging, weilen schon lange im Reich der Toten, ihre Worte können also nicht mehr persönlich hinterfragt werden, es bleibt nur die Interpretation. So weit so gut in der Literatur. Die Fähigkeit zur Interpretation von Gesagtem, Geschriebenem, Mimik und Gestik lernen wir alle aber schon viel früher. Als Kinder reden und fragen wir wie uns der Schnabel gewachsen ist, ohne Scham und Scheu, wir wollen lernen und verstehen, uns sicher sein, unser Gegenüber verstanden zu haben. Man lässt es Kindern durchgehen, auch wenn sie vermeintliche Tabus brechen. Es kommt unweigerlich der Moment, wo wir hören „darüber spricht man nicht“ oder wo wir im Aussprechen dessen, was wir wirklich denken verletzt werden, die Erfahrung machen, dass es besser ist, den Mund zu halten. Dass es unserem beruflichen Fortkommen besser zu Gesicht steht, nicht aufzufallen, dass unsere Beziehungen unkomplizierter sind, wenn wir unsere Gedanken und Gefühle filtern. Wer will schon unangenehm auffallen oder gar zurückgewiesen werden?

Ich habe neulich in der Welt ein Interview mit der Paartherapeutin Esther Perel gelesen, es ging um Untreue – ein ganz anderes Thema. Aber ihre Quintessenz passt irgendwie auf alle zwischenmenschlichen Begegnungen und Beziehungen. Sie sagt, würden wir doch nur 10% mehr über das sprechen, was wir wirklich denken und fühlen, wären unsere Beziehungen besser und die Scheidungsrate niedriger.

Ihr Plädoyer für mehr ehrlichen Austausch geht mir nicht aus dem Kopf, betrifft er doch auch mich. Eines meiner größten Talente liegt in der Interpretation – nicht umsonst war Deutsch mein bestes Fach. Ohne mir dessen bewusst zu sein, filtere und interpretiere ich allzu häufig das was mein Gegenüber sagt, tut und noch schlimmer: eben nicht sagt oder tut. Ich bin Weltmeisterin darin, das Verhalten und die Aussagen meiner Mitarbeiter, aber auch meiner Freunde und meines Mannes in kunstvolle Filme zu verweben und mich – vor allem, wenn die Stimmung mal schlecht ist – verantwortlich zu fühlen und mir alle hingestellten (auch die eingebildeten) Schuhe anzuziehen.

So habe ich mich kürzlich über zwei Wochen in meiner eigenen Firma unwohl gefühlt, meine Worte auf die Goldwaage gelegt, mich hinter Musik aus meinen Kopfhörern verschanzt. Und nachts darüber nachgedacht, was ich an der Situation ändern muss. Als dann das geplante Gespräch mit allen anstand, musste ich feststellen, dass alles ganz anders war, dass ich nichts an der Situation hätte ändern können, dass die interpretierte Erwartungshaltung nur in meinem Kopf stattgefunden hat. Das mal als ein Beispiel.

Genauso weltmeisterlich bin ich im Interpretieren, wenn ich meine Gedanken (und vor allem Emotionen) formuliere, aufschreibe und dann kommt nichts oder nicht das was ich dachte, das es kommen sollte. Ich interpretiere also fröhlich, was das wohl zu bedeuten haben könnte.

Der Fehler in beiden Fällen: ich bin ich mit meinen Mustern und meiner Art zu denken und zu fühlen. Mein Gegenüber ist aber anders, hat seine Art zu denken und zu fühlen und folgt nicht meinen Erwartungen oder Wegen. Und schon ist es da: das schönste Missverständnis. Wieviel Zeit verschwenden wir damit uns Gedanken über missglückte Gespräche, ungute Situationen und Begegnungen zu machen, mit der Angst Fehler zu machen, verletzt oder zurückgewiesen zu werden. Dabei wäre es wohl in einem Bruchteil dieser Zeit möglich, Klarheit zu schaffen. Ich hätte gleich meine Mitarbeiter ansprechen können, meine Wahrnehmung formulieren sollen und um Erklärung bitten müssen, hätte offen dazu stehen sollen, dass ich mich unwohl fühle, meine Erwartungen klar formulieren müssen. Es hätte uns allen das Leben leichter gemacht.

Tja und im zweiten Fall? Auch hier hilft das gesprochene Wort, hilft ehrlich zu formulieren, dass es mir schwerfällt, ohne Antwort zu bleiben, dass ich aber gleichwohl respektiere, wenn mein Gegenüber seine Gedanken nicht in der gleichen Offenheit formulieren möchte.

Denn eines ist auch klar: immer offen und ehrlich zu formulieren, was man wirklich denkt erfordert Mut. Den Mut sich zu zeigen, vielleicht anzuecken, vielleicht auf Ablehnung zu stoßen und vielleicht auch mal auf Schweigen. Und dennoch, wir Menschen haben die Sprache, um uns auszutauschen, um zu diskutieren, unsere Anliegen, Sehnsüchte und Ideen auszutauschen, um uns nah zu sein und auch zu streiten. Wem es gelingt dabei wahrhaftig zu bleiben, mutig zu sich und seinen Gedanken zu stehen, wird am Ende die Menschen in seinem Leben haben, die er sich wünscht – im Job und im Privaten.

Gelingt mir das immer? Nein, aber ich werde es weiter üben, werde weiter mutig auch einfach mal zu weit gehen. Denn ich bin überzeugt davon, dass das zu einem offenen und vertrauensvollen Umfeld führt, ich meinen Mitarbeitern damit eine verlässliche Partnerin sein kann und wir so die Zeit in unsere Projekte, Kunden, Visionen und Ziele investieren können, anstatt einen guten Teil der Zeit in „Politik“ zu verschwenden.

Und privat? Oft noch schwerer, aber am Ende immer lohnenswert. Reden ist eben doch manchmal Gold wo Schweigen eher Silber oder gar Pech ist.

 

Richtig oder Falsch? Eine Frage des Gefühls und nicht des Geldes

Die Welt ist voll von Veränderung. New Work, Digitalisierung, Agilität, Design Thinking – um nur einige Schlagworte der aktuellen Zeit zu nennen. Egal welches Medium man heute konsultiert, man kommt nicht daran vorbei. Und darüber, dass moderne Zeiten eine neue Fehlerkultur erfordern ist ebenfalls allenthalben zu hören und zu lesen. Aber: was genau ist eigentlich diese Fehlerkultur? Und was daran ist Kultur? Ja, wir wissen, dass wir schon in der Schule mit dem Rotstift bewertet wurden. Fehler bedeuteten schlechte Noten. In die Norm passen, nicht anecken, das ist es, worauf es auch heute noch viel zu sehr ankommt. Im Job bedeuten Fehler, sich ins Abseits zu stellen, sich Karrierechancen zu verbauen, sich unbeliebt zu machen. Klar, wir wissen heute, dass es für geschäftlichen Erfolg darauf ankommt, schnell, kundenzentriert und iterativ Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln. Das bedeutet das frühzeitige Testen von Prototypen, bedeutet auch mit nicht ganz ausgereiften Produkten auf den Markt zu gehen – der zeitliche Vorteil und die Erkenntnisse aus diesen Prozessen entscheiden immer häufiger über Erfolg oder Misserfolg.

Soweit, so klar. Aber ist das schon die neue Fehlerkultur? Ich meine nein. Denn die vielbeschworene Fehlerkultur – egal ob „alt“ oder „neu“ – hat für jeden von uns persönliche Implikationen. Wie definieren wir für uns selber „richtig“ oder „falsch“? Wie sehr folgen wir in dieser Definition dem, was wir gelernt haben, dem was gesellschaftlich opportun ist, dem „das macht man so“ oder eben „das macht man nicht“?

Nach einer anstrengenden Woche mit Stress in der Abarbeitung von Aufträgen aber auch mit Erfolgen, mit einem neu gewonnenen Kunden, der Regelung von finanziellen Belangen, komme ich zur Ruhe. Ich freue mich an den Erfolgen, spüre, wie sie den Stress abfallen lassen, die Ärgernisse der Woche relativieren. Als ich diese Freude heute morgen mit Sven geteilt habe, schrieb er „wir machen viel mehr richtig als falsch, falls es sowas in unserer Welt noch gibt“. Da waren sie wieder die beiden Bewertungen „richtig“ und „falsch“. Beim Nachspüren wird mir klar, dass wir ein ganz anderes Verständnis von richtig oder falsch entwickelt haben. Wir empfinden richtig, was sich für uns gut anfühlt, das was uns und unserem Leben Sinn gibt, das was uns selber wachsen lässt. Vermutlich gibt es da draußen einige Menschen, die mir zustimmen, wenn es ums Private geht. Aber wie ist es im Job? Ich meine, dass dort viel mehr die Konvention gilt: richtig ist, was finanziellen Erfolg bringt und uns nicht anecken lässt, während falsch ist, was kein Geld bringt und nicht der Norm entspricht.

Und damit sind wir bei der Kultur. Kultur ist für mich etwas Bewegliches, etwas, dass ein Team oder ein Unternehmen oder auch eine Familie gemeinsam gestalten, immer mal wieder auf den Prüfstand stellen und im Sinne aller Mitglieder der Gemeinschaft entwickeln. Kultur ist nicht das, was immer schon so war, das was früher vielleicht funktioniert hat, das was es bequem macht, weil man weder sich noch andere in Frage stellen muss. Es ist so einfach den Begriff Unternehmens- oder Fehlerkultur zu bemühen, um Dinge zu erklären. Konvention ist nicht zwangsläufig gleich Kultur. Und es reicht nicht, immer wieder anzumahnen, dass wir eine andere Fehlerkultur brauchen. Wir müssen diskutieren, was das überhaupt ist? Müssen uns selber und in unserer Funktion als Führungskräfte klar machen, dass Fehler von Menschen gemacht werden, dass sie uns lehren, dass sie helfen, uns weiterzuentwickeln. Aber vor allem: sie bewerten nicht den Menschen als solchen, sie fördern Mut zu Veränderung und persönliches Wachstum. Wir müssen die alten Konventionen von „richtig“ und „falsch“ aufbrechen und im besten Fall unseren Mitarbeitern, Mitstreitern und Kritikern vorleben, dass es nicht das eine „richtig“ oder „falsch“ gibt. Wir müssen mutig sein im Fehler machen und vor allem darin, dazu zu stehen und sie als Chance begreifen.

Für mich persönlich gilt: Richtig ist, was sich gut anfühlt, falsch ist, was ich gegen meine Natur tue. Richtig ist, was mich frei macht, denn daraus entsteht mein Mut, entstehen die besten Ideen, entsteht meine Fähigkeit, Menschen zu bewegen – egal, ob Kunden oder Mitarbeiter. Und wenn ich mal falsch abbiege oder mir Fehler unterlaufen, lerne ich daraus und versuche, es beim nächsten Mal besser oder richtiger zu machen. Klar, das ist oft nicht leicht, denn auch ich bin ein Kind der Konvention und mit dem Rotstift aufgewachsen. Und oft genug dauert es ein paar Tage, bis sich mein eigenes, gewonnenes Gefühl von richtig und falsch wieder einstellt, ich zu meiner Überzeugung und Haltung zurückfinde. Na und? Genau das ist es, was das Leben ausmacht: in Bewegung bleiben, Lernen, mich selber beobachten und immer mal wieder auch hinterfragen. Eben: einfach mal zu weit gehen.

Vertrauen – wem oder was?

Oder warum die Welt aus den Fugen gerät

Heute morgen saßen Sven und ich zusammen und haben Vorträge vorbereitet. Es ging – na klar – um die gesellschaftlichen Implikationen des digitalen Wandels. Und während wir so darüber philosophiert haben, dass wir uns als Einzelner und als Gesellschaft viel zu wenig damit auseinandersetzen, wie wir eigentlich diesen Wandel gestalten wollen, wie wir ethisch mit den Möglichkeiten der neuen Technologien umgehen wollen und wie wir von gesteuerten Anwendern wieder zu Gestaltern unseres eigenen Lebens werden, ist uns einmal mehr klar geworden: wir vertrauen uns untereinander als Menschen immer weniger. Wir vertrauen gleichzeitig wachsend um so mehr der Technik, dem was wir bei Facebook, Google und in sonstigen digitalen Medien lesen. Wir chatten mehr und sprechen weniger und über das was uns verbindet, unsere Werte, schon fast überhaupt nicht mehr. Und als wäre das heute mein Thema, lese ich als nächstes den Newsletter von Caroline Grégoire. Ihr Thema: Trust, also genau dieses Vertrauen.

Vertrauen, was ist das eigentlich? Definitionen finden sich zuhauf im Netz. Dabei ist das Gefühl von Vertrauen in meinen Augen zutiefst individuell. Was es aber für uns alle verbindet ist, dass Vertrauen zwischen Menschen entsteht, wenn wir gemeinsame Werte und Vorstellungen teilen. Oder aber, wenn wir gemeinsame Visionen verfolgen. Und: wichtigste Voraussetzung für Vertrauen in Andere ist das Vertrauen und damit der Wert in uns selbst. Selbstvertrauen ist wohl eines der flüchtigsten, wankelmütigsten Gefühle zu uns selbst. Ich selbst würde mich grundsätzlich als selbstbewusst einschätzen – ich bin mir meiner selbst bewusst. In diesem mir selber bewusst sein, gibt es dennoch genug mutlose, zaghafte Momente, Momente, in denen ich mich selber und alles und jeden in Frage stelle, mir selber also nicht vertraue. Der daraus resultierende Reflex: zumachen, mich verkriechen, mich nicht mehr zeigen, die Kommunikation mit anderen Menschen auf das Nötigste beschränken. Dann braucht es eine gute Portion Mut, genau das nicht zu tun, genau dann mit Menschen ins Gespräch kommen, also das Vertrauen in andere Menschen zu nutzen, um das Vertrauen in mich selber wieder zu finden. Sven meint dann stets zu mir: „nur Menschen können Menschen heilen“.

Und was hat das jetzt mit der aus den Fugen geratenden Welt zu tun? Mir kommt es so vor – und ich weiß, dass ist ein sehr großer Bogen – als ob wir alle das Vertrauen in unsere eigene Urteilskraft verloren haben, als hätten wir vor lauter Begeisterung über die Möglichkeiten digitaler Medien das selber Denken eingestellt. Wir stellen uns eine Frage – egal ob alleine oder wenn wir mit anderen zusammensitzen – und suchen die Antwort in Google. Inzwischen wohnt uns allen der Reflex inne, die ersten beiden angezeigten Ergebnisse zu lesen und das was dort steht für bare Münze zu nehmen. Wir erleben einen genussvollen Moment und anstatt in zu genießen machen wir ein Selfie. Hand auf’s Herz: wie stark nutzen wir die in nicht digitalen Zeiten gelernte Fähigkeit uns wirklich eine eigene Meinung zu bilden? Wie viel und oft diskutieren wir gemeinsam mit anderen Menschen über Themen, wie oft und gut halten wir in solchen Diskussionen Kontroversen aus? Wie oft trauen wir uns wirklich unsere Meinung zu sagen und dafür einzustehen, auch wenn wir vielleicht damit alleine sind? Damit bleibt das Fazit in einer immer individuelleren Welt: wie oft stehen wir zu uns selbst und für unsere Haltung ein?

„Wir sind mehr“ ist der neue Hashtag mit dem wir versuchen uns gegen die rechten Parolen (die wir – sind wir ehrlich – inzwischen schon im Büro, wenn nicht sogar im eigenen Freundeskreis oder gar der eigenen Familie hören) stemmen. Digital total einfach, im Facebook-Profil oder bei Twitter. Vertrauen wir wirklich darauf, dass wir mehr sind? Und wenn ja: reicht ein digitales Symbol? Ich jedenfalls nehme mir vor in dieser Hinsicht künftig einfach mal zu weit zu gehen – besonders wenn mein Selbstvertrauen mal wieder im Urlaub ist – meinen Mut dafür einzusetzen, dass es lohnt, eine andere Perspektive einzunehmen und sie zuzulassen. Dass es erlaubt ist, seine Meinung zu ändern, dass es erlaubt ist, sich selber zu verändern – bei mir selber und im Gespräch mit Menschen, denen ich schon vertraue aber auch denen, denen ich (noch) nicht vertraue.

Denn das ist das, was uns zu Menschen macht und uns letztlich von künstlicher Intelligenz abgrenzt.

Unsicherheit aushalten oder der steinige Weg auf den Weinberg

Unsicherheit aushalten. Was heißt das überhaupt? Das fängt schon damit an, erst mal festzustellen und einzugestehen was in all den Gedanken und Gefühlen überhaupt Unsicherheit ist? Und im Gegenzug, was bedeutet Sicherheit?

Für mich ist Sicherheit das Gefühl sein zu können wer ich bin, frei entscheiden zu dürfen was ich tue. So ganz grundsätzlich habe ich diese Freiheit. Aber woher kommt die und damit das Gefühl der Sicherheit? Natürlich spielt der schnöde Mammon eine gewisse Rolle – finanzielle Sicherheit als Basis gewissermaßen. Aber noch viel mehr kommt die Freiheit aus dem Gefühl sozial sicher eingebunden zu sein. Ich spüre, dass ich fest mit der Erde verwurzelt bin, verwurzelt in den Beziehungen zu Familie und Freunden, weiß, dass es da draußen Seelen gibt, die mich im Zweifel auffangen. Also alles gut – oder? Könnte man meinen und „objektiv“ betrachtet ist das auch so: ich bin erfolgreich im Job, habe die Freiheit in meiner Agentur die Projekte zu machen, auf die wir Lust haben. Weiß, dass meine Wurzeln mir die Sicherheit geben auch mal was zu riskieren, ich einfach mal einen Schritt zu weit gehen kann, um mich dort umzusehen. Realitätscheck: alles gut.

Mein Leben ist aber so viel mehr als nur dieser Realitätscheck. Es sind das Unvorhergesehene, sind die Schicksalsschläge, sind die Seelen mit denen ich verbunden bin, die Verbindungen, die sich auch wieder auflösen, aber vor allem ich. Ich mit meiner Empathie, ich mit meinem Wunsch – nein, meinem Muster, die Dinge geordnet und unter Kontrolle haben zu wollen. Ich mit meinem schnellen Kopf, meiner Energie – und eben ich, die ich mir oft genug selber im Wege stehe.

Vor zwei Jahren hatte ich den Mut, aus meinem Job auszubrechen und gemeinsam mit einem Partner sam waikiki zu gründen. Unser größter Vorsatz war der, uns auf das was kommt offen und frei einzulassen, uns nicht schon von vorneherein zu begrenzen und uns einen festgefügten Rahmen zu geben. Aus der tiefsten Überzeugung, dass Kreativität nur entsteht, wenn man sich einlässt, wenn man offen bleibt und nicht in Schubladendenken verfällt. Der Mut einfach loszulaufen war gepaart mit Unsicherheit, Unsicherheit, ob unser Konzept aufgehen würde, Unsicherheit, ob wir wirklich in der Lage sein würden, uns voll darauf einzulassen. Und diese Unsicherheit war das Salz in meiner Suppe, hat mich in Bewegung gebracht, meinen Kopf und vor allem auch mein Herz und meine Seele geöffnet, hat mir einen wohligen Schauer über den Rücken gejagt und mich mich frei fühlen lassen. Unsicherheit im positivsten Sinne eben.

Und dann hat das Schicksal zugeschlagen, hat meinen Partner unheilbar erkranken lassen – und plötzlich war ich alleine, hatte plötzlich den Spagat zwischen unserer geschäftlichen Vereinbarung und meinem Herz, das sich darauf einstellen sollte, einen Freund zu verlieren. Plötzlich waren wir nicht mehr gemeinsam sam und waikiki sondern ich stand alleine in der Verantwortung. Musste plötzlich alles alleine entscheiden und denken. Und genau in diesem „alleine“ begann mein Dilemma. Das Dilemma rein „objektiv“ sehr gut in der Lage zu sein, unser Baby alleine zu füttern und zu erziehen, aber eben im Job niemanden zu haben, der meine Begeisterung, meine Pläne und Ideen aber eben auch meine Unsicherheiten mit mir auf Augenhöhe teilt, den ich anstecken kann, der mir einen Teil der Verantwortung abnimmt. Und vor allem der drohende Abschied von sam oder waikiki, das schrittweise Begleiten eines Freundes auf seinem letzten Weg.

Ich hadere mit mir, zweifel an mir selbst, frage mich, ob ich auf dem richtigen Weg bin, fühle mich einsam, schwanke zwischen Freiheit und Angst. Taumele von „einfach mal zu weit gehen“ zu auswandern wollen, von Freude über das Erreichte zu tiefer Trauer über den kommenden Verlust, von sam waikiki zu meinem Innersten, von verbundenen Seelen zu dem Gefühl vollkommen getrennt von allem und allen zu sein. Kurz: ich bin immer noch in Bewegung, offen im Kopf und im Herzen, spüre die Veränderung, die sich daraus ergibt, entdecke neue Seiten an mir, mache zwei Schritte vor und einen zurück. Ist das Unsicherheit? Trauer? Normal? Und immer noch das Salz in meiner Suppe? In guten Momenten „ja“, in schwierigen Momenten „nein“.

In diesen schwierigen Momenten ist der Schauer, der mir über den Rücken läuft nicht mehr wohlig sondern eiskalt, möchte ich manchmal einfach aufgeben, wünsche ich mir weniger Gefühle und mehr Rationalität. Wünsche mir das Gefühl allein zu sein würde einfach vergehen, wünsche mir, die Verbindung mit der Erde und den Menschen, die mich umgeben stärker zu spüren, daraus die fehlende Sicherheit ziehen zu können. Ich habe in den letzten Monaten gelernt, dass all das sein darf, dass all das mich ausmacht – aber wie schwer ist es doch manchmal die Dinge wirklich auf sich zukommen zu lassen, sich wirklich darauf zu verlassen, dass die Dinge aus einem bestimmten Grund passieren und dass sie kommen wie sie kommen sollen. Dass all das offensichtlich die Aufgaben sind, die mir das Universum stellt.

Ich werde vermutlich noch ein Weilchen weiter taumeln, werde vermutlich noch ein Weilchen zwischen „einfach mal zu weit gehen“ und „aufgeben“ schwanken. Aufgeben? Keine Option, das liegt mir nicht im Blut. Denn die Wurzeln der Sicherheit sind unverbrüchlich da, die Seelen, die mich begleiten auch. Und die schwersten Stürme pusten den Weg frei – und am Ende kommt der Regenbogen. Ganz sicher.

Wachsen

„Du kannst alles haben, wovon Du träumst, wenn du bereit bist, den Glaubenssatz aufzugeben, dass du es nicht schaffst.“

(Robert Anthony)

Sind es nicht die inneren Widerstände – Muster der jahrelangen Prägung unserer Gesellschaft, unserer Erziehung – die Veränderung so schwer machen? Die ach so vielen geknüpften Verbindungen, manche selbst gewählt, andere nicht, die daraus entstandenen Ansprüche, Verpflichtungen und Aufgaben, die uns in ein Korsett zwingen? So vieles davon hat sich über hunderte von Jahren inzwischen wohl auch schon in unserer DNA manifestiert.  
Was wenn all die Dinge, die wir erleben, die wir durchmachen nur ein Bild, eine Kulisse sind? Dann müsste es doch gehen, die Bilder und Kulissen loszulassen, sie beiseite zu schieben, um dem einen Sinn des Lebens zu folgen: Wachsen!

Sind nicht die Gedanken – ausgelöst durch ein Gefühl – nur eine Geschichte, die wir selbst erfinden, um sie getreu unserer Prägung, unseres Egos, unserer Gesellschaft in handhabbare Boxen zu verpacken, sie fein säuberlich zu kategorisieren und zu labeln?

Ist nicht genau dieses Enge, Kategorisierte das was uns als funktionierendes System suggeriert wird, was sich vielleicht nach außen als erfolgreich darstellt, was uns alle aber davon abhält uns – auch als Gesellschaft – weiterzuentwickeln, uns den neuen Herausforderungen zu stellen, anders zu sein und damit die ewig alten Schemata und Schubladen hinter uns zu lassen?

Das wichtigste im Leben ist es, an seinen Aufgaben zu wachsen und sich Zeit zu nehmen, zu reflektieren ob man auf dem richtigen Weg ist. Das eigentlich spannende ist dabei, was die Aufgaben sind und ob diese aus uns selbst kommen oder aus dem Außen, aus den Prägungen oder gar den Erwartungen der Gesellschaft. Und die Ehrlichkeit uns einzugestehen, wenn die Aufgaben aus unseren Mustern kommen, uns also weiter im funktionierenden, vorgegebenen Rahmen halten. Mir ist das Wort „Aufgabe“ fast schon zu eng. Wenn überhaupt gibt es nur eine Aufgabe: Wachsen. Mutig, frei, offen und wahrhaft sein was wir sind. Und bei allem das Ego mit seinen Schablonen und Knüppeln mit einem liebevollen Augenzwinkern zur Kenntnis zu nehmen, ihm aber nicht die Macht über uns zu geben.
Zu esoterisch? Mag sein, aber ein Gedanke, der mir gefällt und der mir immer mal wieder eine neue andere Perspektive auf mich und mein Leben gibt. Und der mir auch immer wieder vor Augen führt, was für mich im Leben zählt: Freiheit, Vertrauen, Freude – und nicht zu viel Macht dem Ego. Wenigstens im Innen nicht.