Vertrauen – wem oder was?

Oder warum die Welt aus den Fugen gerät

Heute morgen saßen Sven und ich zusammen und haben Vorträge vorbereitet. Es ging – na klar – um die gesellschaftlichen Implikationen des digitalen Wandels. Und während wir so darüber philosophiert haben, dass wir uns als Einzelner und als Gesellschaft viel zu wenig damit auseinandersetzen, wie wir eigentlich diesen Wandel gestalten wollen, wie wir ethisch mit den Möglichkeiten der neuen Technologien umgehen wollen und wie wir von gesteuerten Anwendern wieder zu Gestaltern unseres eigenen Lebens werden, ist uns einmal mehr klar geworden: wir vertrauen uns untereinander als Menschen immer weniger. Wir vertrauen gleichzeitig wachsend um so mehr der Technik, dem was wir bei Facebook, Google und in sonstigen digitalen Medien lesen. Wir chatten mehr und sprechen weniger und über das was uns verbindet, unsere Werte, schon fast überhaupt nicht mehr. Und als wäre das heute mein Thema, lese ich als nächstes den Newsletter von Caroline Grégoire. Ihr Thema: Trust, also genau dieses Vertrauen.

Vertrauen, was ist das eigentlich? Definitionen finden sich zuhauf im Netz. Dabei ist das Gefühl von Vertrauen in meinen Augen zutiefst individuell. Was es aber für uns alle verbindet ist, dass Vertrauen zwischen Menschen entsteht, wenn wir gemeinsame Werte und Vorstellungen teilen. Oder aber, wenn wir gemeinsame Visionen verfolgen. Und: wichtigste Voraussetzung für Vertrauen in Andere ist das Vertrauen und damit der Wert in uns selbst. Selbstvertrauen ist wohl eines der flüchtigsten, wankelmütigsten Gefühle zu uns selbst. Ich selbst würde mich grundsätzlich als selbstbewusst einschätzen – ich bin mir meiner selbst bewusst. In diesem mir selber bewusst sein, gibt es dennoch genug mutlose, zaghafte Momente, Momente, in denen ich mich selber und alles und jeden in Frage stelle, mir selber also nicht vertraue. Der daraus resultierende Reflex: zumachen, mich verkriechen, mich nicht mehr zeigen, die Kommunikation mit anderen Menschen auf das Nötigste beschränken. Dann braucht es eine gute Portion Mut, genau das nicht zu tun, genau dann mit Menschen ins Gespräch kommen, also das Vertrauen in andere Menschen zu nutzen, um das Vertrauen in mich selber wieder zu finden. Sven meint dann stets zu mir: „nur Menschen können Menschen heilen“.

Und was hat das jetzt mit der aus den Fugen geratenden Welt zu tun? Mir kommt es so vor – und ich weiß, dass ist ein sehr großer Bogen – als ob wir alle das Vertrauen in unsere eigene Urteilskraft verloren haben, als hätten wir vor lauter Begeisterung über die Möglichkeiten digitaler Medien das selber Denken eingestellt. Wir stellen uns eine Frage – egal ob alleine oder wenn wir mit anderen zusammensitzen – und suchen die Antwort in Google. Inzwischen wohnt uns allen der Reflex inne, die ersten beiden angezeigten Ergebnisse zu lesen und das was dort steht für bare Münze zu nehmen. Wir erleben einen genussvollen Moment und anstatt in zu genießen machen wir ein Selfie. Hand auf’s Herz: wie stark nutzen wir die in nicht digitalen Zeiten gelernte Fähigkeit uns wirklich eine eigene Meinung zu bilden? Wie viel und oft diskutieren wir gemeinsam mit anderen Menschen über Themen, wie oft und gut halten wir in solchen Diskussionen Kontroversen aus? Wie oft trauen wir uns wirklich unsere Meinung zu sagen und dafür einzustehen, auch wenn wir vielleicht damit alleine sind? Damit bleibt das Fazit in einer immer individuelleren Welt: wie oft stehen wir zu uns selbst und für unsere Haltung ein?

„Wir sind mehr“ ist der neue Hashtag mit dem wir versuchen uns gegen die rechten Parolen (die wir – sind wir ehrlich – inzwischen schon im Büro, wenn nicht sogar im eigenen Freundeskreis oder gar der eigenen Familie hören) stemmen. Digital total einfach, im Facebook-Profil oder bei Twitter. Vertrauen wir wirklich darauf, dass wir mehr sind? Und wenn ja: reicht ein digitales Symbol? Ich jedenfalls nehme mir vor in dieser Hinsicht künftig einfach mal zu weit zu gehen – besonders wenn mein Selbstvertrauen mal wieder im Urlaub ist – meinen Mut dafür einzusetzen, dass es lohnt, eine andere Perspektive einzunehmen und sie zuzulassen. Dass es erlaubt ist, seine Meinung zu ändern, dass es erlaubt ist, sich selber zu verändern – bei mir selber und im Gespräch mit Menschen, denen ich schon vertraue aber auch denen, denen ich (noch) nicht vertraue.

Denn das ist das, was uns zu Menschen macht und uns letztlich von künstlicher Intelligenz abgrenzt.

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