Was ist Digitalisierung? Ein Essay

In den sogenannten sozialen Medien, auf Dating- oder Karriereportalen, bei Nachrichten- oder Streaming-Diensten lösen sich die Individuen auf und werden zu einer jederzeit gestaltbaren und zu gestaltenden Plastik. Wahrheit wird zu einer Skalierungsgröße: Je mehr „Likes“ eine Aussage erhält, desto zutreffender ist sie. Die Waren- und Dienstleistungswirtschaft wird zur Aufmerksamkeitsökonomie, die Arbeitsgesellschaft zu einem Auslaufmodell, der Sozialstaat zu einem Relikt des Industriezeitalters.

Aber was ist dieses Neue, das da, zunächst unbemerkt, alle Lebensäußerungen durchdringt. Ohne dass wir genau sagen können, wie es geschehen ist, hat sich der Geist des Digitalen unserer Realität – und unserer Sprache – bemächtigt. Und dieser Geist wirkt ganz überwiegend im Verborgenen, während beispielsweise die Politik, wie ihre Vertreter selber einräumen, stets „auf Sicht“ fährt; sie kann also nicht „sehen“, was geschieht – ganz im Unterschied zu den heute führenden Internet-Unternehmen, denen sie hoffnungslos hinterher hechelt. Ja, in Silicon Valley und anderswo wird unsere Zukunft gestaltet, nicht in Berlin, Washington oder Moskau. Und in dieser in Wahrheit schon gegenwärtigen Zukunft wird sich ein ökonomischer und gesellschaftlicher Wandel vollziehen, den wir in den Blick nehmen müssen, wollen wir nicht jede Möglichkeit der Einflussnahme einbüßen.

Das Internet of Things, Bots, Algorithmen, Drohnen, selbstfahrende Autos, Assistenzsysteme mit Spracherkennung, Künstliche Intelligenz oder die Industrie 4.0 sind in aller Munde, aber kaum jemand kann angeben, wo das alles herkommt, wie das funktioniert und wohin die Reise führen wird. Aus solcher „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ müssen wir ausbrechen. Zwar mag es sein, dass alle „Fortschritts“-Folgen zu Anfang immer mehr oder weniger unbedacht, vielleicht sogar unabsehbar waren. Doch entgegen der Behauptung, dass sich also auch im Zuge der Digitalisierung nur jene Entwicklung fortschreibt, die die industrielle Moderne insgesamt kennzeichnet, befinden wir uns heute tatsächlich in einem Epochenbruch. Anders als der Dämon des industriellen Zeitalters, die Dampfmaschine, die „alles Stehende und Ständische verdampfen“ ließ, wie Karl Marx zurecht prophezeite, ist der Geist des digitalen Zeitalters nicht materiell und grob maschinenförmig, sondern ungreifbar – und weithin unbegriffen. Kein Plan, nirgendwo! Tatsächlich ist eine Konstellation absehbar, bei der eine kleine Minderheit, eine Priesterschar der Kundigen, einer großen Masse digitaler Analphabeten gegenübersteht. Deren (unsere) Rat- und Ahnungslosigkeit gibt aber Anlass zu großer Sorge, weil sie den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaften bedroht.

Arbeit, die einmal digitalisiert worden ist – und von Software, Algorithmen oder Robotern erledigt werden kann –, verschwindet im Arbeitsspeicher und kann von dort beliebig oft abgerufen werden, ohne Pause, ohne Ferien, ohne Betriebsrat, ohne Fehler. Internationale Studien gehen übereinstimmend davon aus, dass schon in den nächsten fünf bis zehn Jahren rund 50 Prozent der uns heute bekannten Arbeitsplätze wegfallen werden. Und das betrifft zunehmend auch den Dienstleistungssektor, also längst nicht mehr nur die „Minderqualifizierten“, wofür die zum Teil massenhaften Stellenabbau-Pläne von Banken und Versicherungen lediglich ein erstes Wettergrollen sind. Jede regelhafte, durch Muster und Routinen geprägte Tätigkeit – und welche wäre das nicht? – kann von „Maschinen“ sehr viel präziser, schneller und billiger durchgeführt werden als von jedem noch so gut ausgebildeten Menschen.

Auch dem „Bildungsmarkt“ steht eine Revolution bevor. Bildung, die vom Katheder aus in behördlich vorgegebenen Dosen verabreicht wird, ist der Lebenswirklichkeit der Schüler und Studenten längst nicht mehr angemessen. Lernvorgänge, denen nichts Exploratives anhaftet, die keinerlei unmittelbares Feedback ermöglichen und deren Praxisrelevanz selbst den Lehrenden nur mehr schleierhaft sein dürfte, lassen gerade jene Fähigkeiten verkümmern, auf die es in Zukunft entscheidend ankommen wird: Neugier und Eigeninitiative. Das Bildungssystem in der uns bekannten Form einer von Einzelpersonen immer wieder aufs Neue exekutierten Belehrung ist an sein Ende gekommen.

Wo aber führt all das hin? Wie werden wir – unter den sich wandelnden Voraussetzungen und mithilfe der sich stetig verbessernden Technologien – Arbeit, Bildung und soziales Leben organisieren? An Antworten hierauf herrscht ein eklatanter Mangel. Und das ist seltsam – handelt es sich hier doch nicht um zukunftsferne Entwürfe, sondern um ganz gegenwärtige Belange. Autos ohne Fahrer, Fabriken ohne Arbeiter, Behörden und Verwaltungen ohne Angestellte, Schulen ohne Lehrer, Beziehungen ohne Körperlichkeit? Wir nehmen das mehr oder weniger interessiert zur Kenntnis, nutzen auch gern die einen oder anderen smarten Gadgets, tun aber so, als ginge uns das alles nicht wirklich etwas an, als könnten wir ansonsten einfach so weitermachen wie bisher. Das ist jedoch ein folgenschwerer Irrtum.

Das sind denkbar schlechte Voraussetzungen, um den Wandel, der sich ja tatsächlich vollzieht, gestaltend zu beeinflussen. Solcher Mangel an Gestaltung ist deshalb unser Hauptproblem, nicht die beispielsweise immer wieder als Bedrohung kolportierte „Freisetzung“ von Arbeitskräften, auch nicht der Datenschutz oder die Cyberkriminalität. Dass menschliche Arbeit, auch – und gerade – qualifizierte Tätigkeiten, von maschineller Arbeit zunehmend ersetzt wird, ist ein unumkehrbarer Trend, der weder durch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen noch durch Weiterbildung aufzuhalten sein wird. Was aber bedeutet das? Mit welchen Folgen ist zu rechnen? Wenn beispielsweise nur noch die Hälfte der heute bezahlten Arbeit von Menschen erledigt wird, wenn Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten überwiegend nicht mehr in steinernen Institutionen, sondern in gemeinsam genutzten Internet-Foren lernen, welche Konsequenzen hätte dies etwa für Bildung und Ausbildung, für einen sich überwiegend aus Umsatzsteuereinnahmen und aus der Besteuerung von Arbeitseinkommen finanzierenden Staat, für die öffentliche Infrastruktur? Und wie ließen sich diese Auswirkungen bewältigen?

Ich jedoch stelle diese Fragen und möchte andere animieren, es mir gleichzutun. Mir geht es nicht in erster Linie um technische Kenntnisse oder den cleveren Einsatz neuer Gadgets. Ein neues Denken ist gefordert, sowohl in ökonomischer als auch in gesellschaftlicher Hinsicht. Denn der Geist des Digitalen wird uns prägen wie der Geist des Alphabets. Unserer Gesellschaft steht ein Kulturwandel, gewissermaßen ein Wechsel des Betriebssystems bevor. Dieses neue System birgt zweifellos Gefahren. Es ist aber auch imstande, all unsere Fantasien Wirklichkeit werden zu lassen. Dies wird aber noch nicht gelingen, indem wir uns stets die neuesten Apps installieren, sondern nur, wenn wir gestaltungsfähig werden und den Geist des Digitalen zu verstehen lernen.

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